Mehr Mut zur Selbständigkeit

„Globalisierung und Spitzentechnologien – Ist Deutschland für den globalen Wettbewerb gerüstet?“ Diesem Thema widmete sich eine Diskussionsrunde, zu der der Gräfelfinger Unternehmer Georg Schmidt in die Räume des Martinsrieder Seminar- und Fachmesse-Veranstalters GEROTRON COMMUNICATION GmbH eingeladen hatte. 15 Vertreter aus Forschung und Lehre, dem Mittelstand und der Industrie sowie die FDP-Politiker Dr. Rainer Stinner und Jimmy Schulz nahmen an der regen Diskussion teil.
Unternehmer und Professoren klagten gleichermaßen über die in Deutschland schlechten politischen und finanziellen Rahmenbedingungen und geizten nicht mit persönlichen Erfahrungen und Vergleichen aus anderen Ländern. „Deutschland lässt sein Know-how ausbluten“, konstatierte Dr. Stefan Seitz (Epcos) provokant. Innovation finde vor allem in kleinen und mittelständischen Firmen und in Start-ups statt. Doch gerade diese seien dringend auf finanzielle Förderung angewiesen. Finanzielle Unterstützung käme aber eher aus dem Ausland, was aber zur Folge habe, dass das Know-how, die Produktion und die Arbeitsplätze dem Geld folgten. Professor Georg Fischer von der Universität Erlangen gab zu bedenken, dass den 4.800 Erlanger Ingenieur-Studenten gerade ein Patentanwalt zur Seite steht.
Aber auch selbstkritische Töne waren zu hören: Einige Teilnehmer beklagten die in Deutschland eher an der Technologie und zu wenig am Marketing orientierte Mentalität. Auch die „vorauseilende Offenheit der Deutschen“, so der Sicherheitsexperte Professor Siegfried Wilhelm, sei „einmalig“. Er plädierte dafür, Know-how zu sammeln, Werte zu schaffen und diese dann international zu vermarkten.
Die Globalisierung biete aber auch Chancen, die durch starke Vernetzung, nationale und internationale Kooperationen und durch eine professionellere Vermarktung genutzt werden könnten.
Einig war sich die Runde, dass Deutschland nach wie vor über eine hohe Innovationskraft und auch über ein hohes Bildungsniveau verfügt. Allerdings sollte bereits in der Schule wirtschaftliches Denken und Handeln gelehrt und gefördert werden. „Den Schülern muss klar gemacht werden, woher der Wohlstand kommt: Unser Wohlstand kommt von der Innovation“, so Michael Sturm (Omron).
Die beiden Politiker, die einige der Probleme auch aus eigener Erfahrung kennen, versprachen, sich für bessere Rahmenbedingungen einzusetzen, warnten aber auch davor, den Staat als alleinigen Problemlöser nach dem Motto „der Staat wird’s schon richten“ zu betrachten. Jimmy Schulz, FDP-Bundestagskandidat für den Wahlkreis 222 München-Land und Krailling, will sich für eine positivere, auch gesellschaftlich gewünschte und geförderte Unternehmer- und Unternehmenskultur stark machen, die zu „mehr Mut zur Selbständigkeit“ führen soll.



Diskussionsgrundlagen:

  • Deutschland ist heute Exportweltmeister, verfügt aber über nahezu keine Bodenschätze.
  • Deutschlands Rohstoff ist sein Know-how.
  • Bildungstechnisch schneidet Deutschland im internationalen Vergleich gut ab.
  • In der Vergangenheit galt dies auch für die Produktion, die in den letzten Jahren immer mehr nach Asien und Osteuropa abgewandert ist. Asien lockt z.B. mit Steuerfreiheit, hohen Investitionszuschüssen, jahrelanger Übernahme von Personal- bzw. Ausbildungskosten, zur Verfügungstellung von Produktionsstätten. In der neusten Variante werden die Kosten für F&E und Patentkosten übernommen, wenn diese dann vor Ort genutzt werden. Der sich aus diesen Maßnahmen ergebende Wettbewerbsvorteil ist gravierend und der Know-how-Abfluss aus Deutschland so schnell, dass er auch mit allen heute möglichen Anstrengungen nicht ausgleichbar ist.
  • Globaler Wettbewerb führt zu extrem hohem Kostendruck und immer kürzeren Innovationszyklen. Dies bedeutet: HighTech-Produkte müssen oft auf dem Fertigungsequipment entwickelt werden, da eigene Entwicklungslinien zu zeitaufwändig wären und außerdem ständig erneuert werden müssten (Kostenfaktor). „Design of Manufacturing“ ist so nicht mehr möglich.
    Logische Folge: Wandert die Produktion nach Asien folgt dieser die Entwicklung und damit die Innovationskraft. Neue Produkte, die nicht auf Produktion abgestimmt sind, sind chancenlos.
  • Deutschland verfügte immer über ein hohes Innovationspotential. Innovation findet typischer Weise in mittelständischen Firmen oder Startups statt. Ohne Initialunterstützung von staatlicher oder Bankenseite stehen solche Unterfangen oft auf verlorenem Posten. Staatliche Fördermöglichkeiten sind für KMU zu aufwändig, echte Startup-Hilfen (Initialfinanzierung, finanzielle Risikoabfederung, Zugangserleichterungen, …) stehen in Deutschland im Unterschied zu vielen anderen Ländern nicht zur Verfügung. Hier hinkt die Bundesrepublik lebensgefährlich hinterher - während andere europäische Länder, z.B. Österreich, bessere Rahmenbedingungen bieten.

Diskussionsfragen

  • Befindet sich Deutschland bereits in einer fortgeschrittenen Phase der Deindustrialisierung?
  • Genügt es, Forschungslandschaft und Forschungsprojekte von staatlicher Seite aus finanziell zu unterstützen, um global wettbewerbsfähig zu sein?
  • Wie sieht eine Strategie aus, die Forschungsergebnisse schnell in Umsätze umwandelt?
  • Mit welchen Maßnahmen kann die Innovationskraft in Deutschland wieder auf Weltklasseniveau gehoben werden?


Teilnehmer der Diskussionsrunde:


Politik:

Jimmy Schulz, geschäftsführender Gesellschafter der CyberSolutions Ltd., ist seit fast 20 Jahren in der IT Branche als Unternehmer tätig. Dem Internetvordenker, Kommunalpolitiker und Bundestagskandidaten liegt die Freiheit in der digitalen Welt eben so am Herzen wie Mittelstands- und Familienpolitik.

Dr. Rainer Stinner machte sich nach seinem Studium der BWL als Unternehmensberater selbständig. Seit 2002 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages, wo er derzeit als Mitglied des Verteidigungsausschusses und stellvertretendes Mitglied des auswärtigen Ausschusses tätig ist.  In seiner ersten Wahlperiode war er u.a. Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Arbeit.

Forschung und Lehre:

Prof. Dr. Ignaz Eisele ist Professor für Mikrosystemtechnik und Vorsitzender des Senats der Universität  der Bundeswehr München, Forschungsgruppenleiter der Bayerischen Forschungsallianz (BayFOR) und Leiter des Fraunhofer IZM sowie Beirat in verschieden Forschungsgremien.

Prof. Dr.-Ing., Dr.-Ing. habil. Robert Weigel hat in München, Wien, Linz und Shanghai geforscht und gelehrt. Er ist Mitbegründer des DICE in Linz, Österreich, das jetzt ein Entwicklungszentrum der Infineon Technologies AG ist. Prof. Dr. Weigel hat den Lehrstuhl für Technische Elektronik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg inne.
Er berichtet von seinen Erfahrungen über Firmen-Neugründungen und staatlicher Startup- Unterstützung in Österreich.

Mittelstand und Industrie

Franz Maidl hat langjährige Erfahrung auf General-Management-Ebene in Deutschland, Europa und den USA im Vertrieb und Marketing von HighTech Hard- und Softwarelösungen für die Telekommunikations-, Automobil-, Halbleiter-, Medizintechnik- und Automatisierungsindustrie.
Er hat mehrere Firmen im Technologieumfeld aufgebaut und finanziert und ist als
ehrenamtliches Jury/Coaching-Mitglied des Münchener Businessplanwettbewerbes tätig.

Georg Schmidt hat als Geschäftsführer mehrere Unternehmen im Bereich der Kommunikationstechnik aufgebaut. Der Unternehmer vereint Fachwissen aus der Elektro- und Feinwerktechnik mit praxiserprobtem Management-Know-how. Über sein breites Netzwerk hat er Kontakt zu führenden Technologiefirmen in den USA, Asien, West- und Osteuropa. 

Dr. Stefan Seitz hat langjährige Erfahrung in Forschung und Entwicklung neuer Technologien und Produkte im Bereich Mikroelektronik und Kommunikationstechnik. Er ist heute Vice President der Abteilung „Innovative Produkte“ bei der  EPCOS AG in München. Seine Karriere begann er bei der Fraunhofer Gesellschaft, bei der er als Abteilungsleiter für integrierte MEMS (Mikroelektromechanische Systeme) und Hochtemperaturelektronik verantwortlich war.

Siegfried Wilhelm ist Spezialist für Informations-, Kommunikations- und Sicherheitselektronik. Er gründete und leitete die international erfolgreichen High Tech Firmen MACCON GmbH, TRESOR DATA und Beaucom. International war er als Consultant für Sicherheitssysteme für die Regierungen von Deutschland, Taiwan, Saudi Arabien, Polen und Russland tätig.